Sie hätten nicht gewusst, dass an den Dreharbeiten auch Motorradrocker der "Hells Angels" teilnehmen würden, heisst es in einer Erklärung des Stadtkirchenverbandes von Freitag. "Wir fühlen uns getäuscht", sagte der stellvertretende Stadtsuperintendent Thomas Höflich. Die Vereinbarung sei so nicht getroffen worden: "Der Nutzungsvertrag ist für uns damit ungültig." Die Inhalte der Videoaufnahmen seien der Kirche vorher nicht bekannt gewesen.
Die Lutherkirche, die auch von der Jugendkirche für Veranstaltungen genutzt wird, war von Regisseur Kai Ole Petersen angemietet worden, um dort einen Musikclip für den aus Hannover stammenden Rapper Memo zu drehen. Anwohner waren stutzig geworden, als sich am vergangenen Montag an der Kirche plötzlich junge Frauen, Rocker und Jugendliche mit Kampfhunden aufhielten. Die jungen Frauen, so bekannte der Musiker, seien von Frank Hanebuth, dem Chef des hannoverschen Rockerclubs Hells Angels, "besorgt“ worden.
Anwohner hatten am vergangenen Montagabend beobachtet, dass neben den "Hells Angels" an einem Seiteneingang auch "leicht bekleidete Damen und Jungs mit Kampfhunden" zu sehen waren. Höflich betonte, dass weder die Kirchengemeinde noch der Stadtkirchenverband über die Inhalte und die Ausrichtung des Videoclips informiert gewesen seien. "Wir distanzieren uns ausdrücklich von den Inhalten, für die die 'Hells Angels' stehen und bedauern diesen Vorfall ausserordentlich." Die Kirche behalte sich die Prüfung rechtlicher Schritte vor.
Die Hells Angels kontrollieren die Rotlichtszene am Steintor. Der Rap-Musiker fühlt sich ihnen verbunden. Hanebuth, so sagt er, habe den Videoclip finanziert und helfe auch bei der Veröffentlichung der Platte. Bei den Filmaufnahmen in der Kirche trug der Rapper auch ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Support your local red light crew Hannover“ (Unterstütz’ deine lokale Rotlicht-Truppe).
Der stellvertretende Stadtsuperintendent sagte dazu gestern: "Wir distanzieren uns ausdrücklich von den Inhalten, für die die Hells Angels stehen und bedauern diesen Vorfall ausserordentlich“. Derzeit prüfe man rechtliche Schritte. "Wir haben einen Anwalt eingeschaltet, der auf Medienrecht spezialisiert ist. Mit ihm werden wir und das fertige Video ansehen und dann eine Entscheidung fällen“, sagte Höflich.

Da Regisseur Petersen vor einigen Jahren schon einmal eine Kirche für die Produktion eines Videos gemietet hatte, habe niemand Bedenken gehabt, stellte eine Kirchensprecherin fest. "Das ist damals einwandfrei über die Bühne gegangen“, sagte Höflich. Petersen habe der Gemeinde zugesichert, dass sie das Video vor der Veröffentlichung sehen könne.
Es handelt sich um das Debütalbum des hannoverschen Rap-Musikers Memo und den Song "Frei wie ein Engel". "Einmal Musiker, immer Musiker! Mein Hobby ist Networking, ohne geht kaum was, und es wäre wünschenswert, wenn sich Leute in Hannover noch mehr zusammentun und an einem Strang ziehen würden. Zusammenarbeitet macht stark, das kenne ich aus der HipHop-Community." So hat Kai Ole kräftig mitgeholfen, dass Juliano Rossi - als dritter Deutscher überhaupt erst - einen Vertrag beim renommierten Blue Note-Label bekommen hat.
Die Gemeinde ist über die Bewertung der Videoaufnahmen offenbar gespalten. Die meisten haben das Geschehen nicht selbst verfolgt und erst aus der HAZ von den Hintergründen erfahren. "Das ist halt eine Jugendkirche, da muss man ein wenig toleranter sein“, sagte zum Beispiel Lieselotte W., eine 87-Jährige, die seit 20 Jahren zur Gemeinde gehört. Susanne Bartels wohnt gegenüber der Kirche, sie hat die Aufnahmen am Montag selbst beobachtet: "Da ist nichts Anstössiges oder Schlimmes geschehen“, sagte sie.
Peter Troche hingegen ist verärgert: "Das geht zu weit, bestimmte Dinge vertragen sich einfach nicht mit Kirche. Man hätte das Vorhaben genauer hinterfragen und die Kirche dafür nicht vermieten dürfen“, meinte er. Im Gemeindebüro blieb es gestern nach Angaben einer Mitarbeiterin allerdings ruhig, Anrufe oder Schreiben von Gemeindemitgliedern habe es nicht gegeben.
"Die Gemeinde ist wohl etwas blauäugig an die Sache rangegangen, hätten sie nur mal lieber die Jugendlichen gefragt, die hätten sagen können, in welche Richtung die Musik des Rappers geht und dennoch, wäre das nicht mit dem Rotlichtmilieu gewesen, wäre es für die Jugendkirche cool gewesen", liess ein Insider verlauten. "Man muss jetzt erst einmal die Vorabvorführung des fertig geschnittenen Videos abwarten, ob derartig empörte Reaktionen im Endeffekt überhaupt angemessen sind."
Neben Memo hat Kai Ole u.a. bereits für Kool Savas, Pachanga, Pat Cash und dem Hannoveraner Künstler Phil Barnes gearbeitet. "Ich hänge sehr an Hannover, möchte mit dazu beitragen, dass Hannover bekannter wird, dass die Stadt vorankommt. Deswegen mache ich gerne Videos für lokale Künstler, für die ich dann wie bei Phil Barnes auch vorzugsweise hannoversche Schaupieler engagiere." Das dürfte auch ein Grund dafür gewesen sein, die JuKi als Location zu wählen: Um diese mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken - dürfte durchaus geglückt sein, wenn auch anders als erwartet.
Kai Ole kommt aus der hannoverschen HipHop-Szene, war u.a. mit seiner Formation Pleasant Groove in den 90ern auf dem Palo Palo-Sampler Vol III vertreten. "Ich habe nach der Pleasant Groove-Zeit bei RTL 'ne Ausbildung zum Mediengestalter gemacht, habe Cutter gelernt", und "die HipHop-Community hat immer schon ein starker Zusammenhalt gekennzeichnet", erzählt Kai Ole. "Der Musikbranche geht es bekanntermassen nicht gut, entsprechend sind auch die Budgets für Videoprosuktionen nicht mehr so üppig."
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können