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Twitter und Jugendkirche? Bisher nicht kompatibel PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Mittwoch, 15. Juli 2009

Abgesehen von denjenigen Gemeinden, die gerade trendy sind, kämpfen die christlichen Landeskirchen heute mit ähnlichen Problemen wie alle anderen Glaubensgemeinschaften in einer aufgeklärten säkularisierten Gesellschaft. Die Bedeutung der organisierten christlichen Religiosität nimmt momentan eher ab. Der Altersdurchschnitt der Gottesdienstbesucher steigt, Jugendliche suchen sich Gemeinschaften mit gleichaltrigen und weniger verbindlichen Inhalten. Also erscheint TWITTER eigentlich als der ideale Tummelplatz für die Jugendkirche, um Heranwachsende zu erreichen. Der kostenlose Online-Dienst Twitter zählt zu den sogenannten Web-2.0-Anwendungen des Internets. Registrierte Teilnehmer schreiben per Computer oder Handy Kurznachrichten mit maximal 140 Zeichen, die weltweit empfangen werden können.

Kaum macht ein britischer Jugendlicher mal eine Studie für die US-Bank Morgan Stanley zum Thema Medien- und Internetverhalten Jugendlicher, schon rollt eine Welle der Aufregung durch die Medienlandschaft. Der Grund: Jugendliche nutzen sehr gerne soziale Netzwerke, also Facebook etc. aber bei all der Vorliebe zum 'Social Web', bleibt der Kurznachrichtendienst Twitter bei Jugendlichen innerhalb der Jugendkirchen auf der Strecke.

Die gegenwärtigen "Musts" für junge Christen sind ganz eindeutig Angebote, in einer modernen Form mit reduziertem theologischen Inhalt, und während in der Landeskirche Liedgut über Jahrhunderte tradiert wird, gibt es in modernen JuGodis keine Liederbücher mehr. Was heute in ist, ist morgen längst vergessen. Daher werden die Lieder auf die Leinwand projiziert und nach Möglichkeit von einer Band poppig intoniert. Derweil ist die verbreitete Theologie meist einfach geschnitzt. Einfache Antworten auf einfache Fragen, wie es die Philisophie und die eingeschränkten Möglichkeiten von Twitter vorschreiben.

In seiner Studie die von der Morgan Stanley Bank an Kunden in der ganzen Welt verschickt wurde, bemerkt ein Jugendlicher: "Teenager nutzen Twitter nicht". Bereit für einen derartigen Dienst wie Twitter zu bezahlen? Nein, lehnen die Jugendlichen mehrheitlich ab, denn Twitter sei uncool. Scheinbar nutzen die User lieber richtige SMS und bezahlen dafür Geld, anstatt ihre Zeit in ein Netzwerk wie Twitter zu investieren um dort Kurznachrichten per Web oder Handy zu versenden. Eine Begründung sei beispielsweise, dass den Twitter-Profilen der Jugendlichen ohnehin niemand folgt - jedoch folgen keinem Profil von Beginn an welche und auch bei Facebook hat man ja nicht sofort hundert Leute kontaktiert.

Kontakte sammeln muss man überall, hat der 15-jährige Matthew Robson in seinem Praktikum bei der Londoner Filiale der Morgan Stanley kommentiert. Bei der Jugendkirche ist das "Simsen" angesagt. Handykonzerne verbuchen neue Rekorde. Das Verschicken von Kurznachrichten boomt, birgt aber auch Gefahren. Experten meinen: Übermässiges "Simsen" kann zur Sucht werden, Aufmerksamkeitsstörungen hervorrufen und die soziale Entwicklung Heranwachsender stören.

 "Simsen" angesagt

Im Jahr 2008 wurden in Deutschland rund 29 Milliarden SMS verschickt. Ein neuer Rekord, meldet die Bundesnetzagentur. Eine Umfrage des "Instituts für Demoskopie Allensbach" ergab, dass nur 36 Prozent der 14- bis 19-Jährigen ein persönliches Gespräch einer E-Mail oder SMS vorziehen. Nach einer Erhebung des Marketingkonzerns "Nielsen" sendeten und empfingen US-Jugendliche im vierten Quartal 2008 ganze 2272 SMS pro Monat, das macht 75 pro Tag, also etwa fünf pro Stunde, Schlafzeiten nicht mitgerechnet. Das sind doppelt so viele Kurznachrichten wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. "Damit hat die SMS-Nutzung bei Handy-Usern im Alter zwischen 13 und 19 Jahren in den Vereinigten Staaten einen neuen Rekordhöchststand erreicht", schreibt die Zeitung "Die Welt".

Sherry Turkle ist Professorin für Sozialstudien und Technologie am "Massachusetts Institute of Technology" in Boston und hat das SMS-Verhalten Jugendlicher drei Jahre lang erforscht. Sie ist überzeugt: Das Kommunikationsmittel stört die Entwicklung Heranwachsender. Durch die permanente Möglichkeit, sich bei Anderen rückzuversichern, lernten Jugendliche nicht mehr, eigene Entscheidungen zu treffen. Ausserdem führe das "Simsen" zu Konzentrations- und Lernstörungen: "Wer alle paar Minuten zugetextet wird und sofort antworten muss, kann keinen klaren Gedanken zu Ende entwickeln", schreibt "Die Welt".

Auch Martin Joffe, Pädiater aus Greenbrae in Kalifornien, untersuchte das Kommunikationsverhalten Jugendlicher an zwei Highschools. Laut der Zeitung "New York Times" fand er einzelne Schüler, die täglich Hunderte von SMS verschicken, also alle paar Minuten eine. Jugendliche hätten ihm ausserdem berichtet, dass sie auch spät nachts auf Nachrichten antworteten. Schlafprobleme sind laut Joffe eine Folge dieser Nachtaktivitäten.

Bei Teenagern ist das "Simsen" angesagt. Experten aber warnen: Gerade bei einer heranwachsenden Zielgruppe kann extrem häufiges SMS-Verschicken unangenehme Nebenwirkungen haben. " Das massive Schreiben von Textnachrichten, wie es bei manchen Jugendlichen üblich ist, könne zur Sucht werden und mache krank, sagen amerikanische Pädiater", schreibt "Die Welt". Wie aufregend das Verschicken und Erhalten von Nachrichten für Konsumenten ist, erklärten jetzt kanadische Wissenschaftler: Schon das Signal einer ankommenden SMS führe zur Ausschüttung von Glückshormonen, heisst es in der Zeitung "Wirtschaftswoche".

Trendforscher Peter Wippermann erkennt: "SMS ist wie der Sandkasten ein Ort, der freigegeben wird von den Eltern, damit die Kinder ihr eigenes soziales Netz aufbauen und einander Achtung zuweisen oder nehmen. Das kann man gut bei Schülern beobachten: Während früher Hänseln oder üble Nachrede auf dem Schulhof stattfand, findet es heute per SMS im Unterricht statt."

"Wer unter den Jugendlichen über zwölf Jahren kein Handy hat, wird nicht mehr wahrgenommen. Schlimmer ist nur noch, ein Handy zu besitzen und niemand ruft an. In dem Moment, wo man den Beweis hat, dass man erreichbar wäre, aber keine SMS bekommt, weiss man, dass man aus der sozialen Gemeinschaft, zu der man gehören möchte, ausgeschlossen ist." Eine Suchtgefahr sieht er im Gegensatz zu amerikanischen Wissenschaftlern nicht.

Ähnliches berichtet auch der Psychotherapeut Michael Hausauer der "New York Times": Teenager seien überdurchschnittlich interessiert an allem, was ihre Freunde tun. "Das Texten kann eine riesige Hilfe sein. Es macht Gemeinschaft und Verbundenheit möglich." Gleichzeitig könnten Jugendliche dadurch, dass jeder weiss, was sie selbst gerade tun, auch blossgestellt werden.

Weiteres Medien- und Internetverhalten von Jugendlichen sei laut Matthew Robson, dass Jugendliche gerne Musik hören, dafür aber selten das Radio benutzen, sondern viel lieber illegale Downloads ausführen oder die Musik direkt auf den entsprechenden Websites hören. Was die Liste der Studie immer länger macht, geht auch in Kurzform: Alles was ein Kabel hat ist doof. Touchscreens, grosse Speicherplätze für Musik und Videos und überdimensionale TV-Geräte sind cool. Das ist es also was Jugendliche wirklich mögen.

Wie ein Mitarbeiter der Morgan Stanley mitteilte, sind die Reaktionen auf die Studie des 15-Jährigen wirklich super gewesen. Klar, ist ja auch spitze, ich will mich solch einer Aufgabe nicht stellen, auch wenn es sicher sehr viel Wert ist, wenn man sich solche Mühen macht, Klasse!

Die Heilige Schrift in 3906 Kurznachrichten à 140 Zeichen

jugendkirche twittertDas Bistum Limburg steigt als erste Diözese beim sozialen Online-Netzwerk Twitter ein. Man wolle mit Hilfe des Internets "Brücken der Kommunikation zwischen Himmel und Erde bauen", sagte Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst in Limburg. Es sei eine "echte Herausforderung, Substanzielles durch Virtuelles zu transportieren". Dies versuche das Bistum ab sofort auch mit den maximal 140 Zeichen langen Texten auf Twitter. Und wo man in Deutschlands Kirchen schon mal mit dem Kürzen angefangen hat, kann man auch gleich Nägel mit Köpfen machen und die Bibel auf Twitter-Format bringen – hat sich die Evangelische Kirche gedacht und den Vorsatz bereits in die Tat umgesetzt.

'Das hätte man jetzt auch einfacher und kürzer sagen können', haben schon Generationen von Kirchenbesuchern angesichts ausschweifender Sonntagspredigen geseufzt. Das neue Onlineportal "evangelisch.de" hat die Konsequenzen gezogen und die Heilige Schrift in 3906 Kurznachrichten à 140 Zeichen zusammenfassen lassen. Gestartet war das Twittern der Bibel zum Beginn des evangelischen Kirchentages am 20. Mai in Bremen. Mehr als 3000 Internetnutzer beteiligten sich an dem Rekord. Zu lesen ist die Bibel in Kurzform im Internet unter http://rekordversuch.evangelisch.de. Zur Frankfurter Buchmesse Mitte Oktober sollen die getwitterten Texte in gedruckter Form erscheinen.

Den Angaben nach waren bis zum Abschluss des Kirchentages rund 50 Prozent der Bibel in Twitter-Nachrichten übersetzt. Die verbliebenen fast 2000 Textstellen wurden bis zum Pfingstwochenende zusammengefasst. Zahlreiche Prominente beteiligten sich laut "evangelisch.de" an dem Rekord, unter ihnen der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, und Henning Scherf (SPD), ehemaliger Bürgermeister von Bremen.

Die Aktion habe Menschen auf unkonventionelle Weise dazu gebracht, sich mit der Bibel auseinanderzusetzen: "Wir haben mit der Aktion mehr Menschen erreichte, als wir gehofft hatten", sagte Portalleiterin Melanie Huber. Es mache Spass, die Bibel auf eine andere Art und Weise kennenzulernen. Auch nach der kompletten Bibelzusammenfassung binnen zehn Tagen geht das Bibel-Twittern weiter. Die von Theologen aufgeteilten Bibelstellen können auch mehrfach zusammengefasst werden. Ein Teilnehmer fasste den letzten Schöpfungstag etwa mit den Worten zusammen: "Gott sei Dank! Es ist Sonntag!" Und zur JuKi: "Jugendkirche ist spitze!" Nein, bündiger kann man es dann wirklich nicht mehr formulieren.

Das Portal "evangelisch.de" wird am 24. September freigeschaltet. Es wird im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) entwickelt und kooperiert mit den Redaktionen des evangelischen Monatsmagazins "chrismon" und des Evangelischen Pressedienstes (epd) sowie mit zahlreichen Internetprojekten der EKD, ihrer Landeskirchen und Werke.

Twitter-Werbung für das Priesteramt

Um mehr junge Männer für das Priesteramt zu begeistern, sucht die katholische Kirche jetzt zudem Hilfe bei Twitter. Das niederländische Erzbistum Utrecht hat über den Mikroblogging-Dienst eine Kampagne gestartet, mit der Christen zum Gebet für mehr Priester motiviert werden sollen. In Deutschland wird die Aktion vor allem vom Bistum Limburg unterstützt. Der niederländische Erzbischof Willem Eijk hat im Kurznachrichtendienst Twitter und im Internet zu dieser Kampagne aufgerufen.
 
Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst unterstützt die Aktion. Katholiken aus aller Welt sollten täglich für Priesternachwuchs beten und Priester in ihrem geistlichen Dienst und in ihrer zölibatären Lebensform unterstützen. Über Twitter können Texte und Anregungen zu solchen Gebeten ausgetauscht werden. Hintergrund der Aktion ist das "Jahr der Priester", das Papst Benedikt XVI am vergangenen Wochenende gestartet hat.

Der Limburger Bischof ist bereits seit einiger Zeit auf der Suche nach Wegen, wie die Kirche in Zukunft gestaltet werden kann. Zu Pfingsten war die Diözese bei Twitter eingestiegen. "Es sind nicht nur die jungen Leute, sondern immer mehr so genannte Silversurfer, also Menschen im reiferen Alter, die das Online-Angebot des Bistums Limburg täglich nutzen", begründet Tebartz-van Elst sein Online-Engagement. Es gehe um "Brücken der Kommunikation zwischen Himmel und Erde".
 
Bistumssprecher Robert Eberle sagte, die Priesterzahlen im Bistum Limburg seien seit Jahren rückläufig. "Die Zahl der Priester, die aus dem Dienst ausscheiden, ist höher als die Zahl derer, die neu geweiht werden. Das ist der Grund für unsere Beteiligung an der Kampagne", so Eberle.

Auch anderswo ist diese Tendenz zu verzeichnen. "Wir haben zu wenig Priester. Viele von ihnen stehen kurz vor ihrem Ruhestand. Zudem entscheiden sich immer weniger junge Menschen, Theologie zu studieren. Insgesamt bedeutet das, dass wir trotz der Zusammenlegung der Pfarreien mittelfristig nicht jede Pfarrstelle neu besetzen können", berichtet der Erzbischof von Hamburg und Vorsitzender der Unterkommission Misereor bei der Deutschen Bischofskonferenz, Werner Thissen.
 
"Wir haben pro Jahr etwa ein bis zwei Priesterweihen im Erzbistum. Das reicht nicht aus", fährt er fort, und "deshalb müssen wir Massnahmen ergreifen, um die Pfarreien lebensfähig zu erhalten. Die Idee ist der pastorale Raum. Wir schauen nicht auf die einzelne Pfarrei, sondern auf einen Raum, in dem Priester von Diakonen, pastoralen Laienmitarbeitern und Ehrenamtlichen unterstützt werden - um nah an den Menschen zu bleiben. In jedem Fall müssen wir etwas tun und für kirchliche Berufe werben und beten."
 
siehe auch:

Papst Benedikt XVI. mit einem Brief von grosser Offenheit → In der JuKi wird getwittert → Jugendkirche aus Bits und Bytes?  ...
Freitag, 22. Mai 2009

...Bremen um 18 Uhr beginnt, wollen wir es schaffen, dass die gesamte Bibel zusammengefasst und unter anderem getwittert wird. Und zwar bis zum Pfingstsonntag um Mitternacht. Alle sollen mithelfen und die ...
Dienstag, 19. Mai 2009
 
 
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